Bisher habe ich kein Bedürfnis verspürt, mich wie schon so viele im Internet und damit in der Öffentlichkeit zu äußern. Heute Abend jedoch habe ich dieses Bedürfnis, denn ich habe in Leipzig die Show zum Buch „Generation doof“ besucht. Als Gastgeber haben die Autoren Anne Weiss und Stefan Bonner ihr Programm in der Theaterfabrik Sachsen präsentiert.
Versprochen wurde eine Bestandsaufnahme zum Titel des Programms und im zweiten Teil so eine Art Tipps & Tricks, wie man das eigene Unvermögen, so man denn zur klar umrissenen Zielgruppe zwischen 15 und 45 Jahren gehört, kaschieren kann.
Bereits bei der Verkündigung des weiteren Verlaufs dieses Abends wurde dem Zuschauer deutlich, dass nicht jeder Lektor gleichzeitig ein begabter Entertainer ist. Aber das war ja auch nicht der Anspruch.
Es folgt recht schnell das erste eingespielte Video, denn die beiden cleveren Autoren verlassen sich nicht nur auf ihre eigene Persönlichkeit sondern bedienen sich dem hippen und gut präsentierten MacBook auf ihrer Bühne. Der Inhalt passt und liefert ein gutes Intro für die Show.
Wer zu diesem Zeitpunkt auf ein zwei Bier ins Foyer verschwindet und erst ca. 20 Minuten nach der Pause wieder auf seinen Platz zurückkehrt, hat das Optimum an geistreicher Unterhaltung aus dem Abend herausgeholt. Allen Verbleibenden wird nun ein Stakkato an zusammenhangslosen Beispielen für doofe Äußerungen, vorhersehbaren Dialogen und selbst erlebten Geschichten präsentiert – unterbrochen durch absolut geschmacklosen Video-Clips, die sich nur an die niedrigsten Instinkte des Publikums wenden können: Häme über die Blödheit der Anderen. Was soll mir bitte ein Clip sagen, in dem ein junger Mann in die Kamera furzt und das Feuerzeug davor hält?
Der erste Teil hat mich weder unterhalten noch bereichert. Nicht neu aber trotzdem schön war die implizite Erkenntnis, dass ich mich wohl nicht als einziger über spezielle Unzulänglichkeiten von Mitmenschen ärgere.
In der Hoffnung, der zweite Teil würde besser, blieb ich über die Pause hinaus im heimeligen Saal der Theaterfabrik. Die nun folgenden Hinweise, wie man als Angehöriger der „Generation doof“ besser durchs Leben kommt, schlagen jedoch dem Fass den Boden aus und sind der Grund für mein plötzlich erwachtes Engagement. Die Autoren führen Beispiele vor, die stets den gleichen Inhalt haben: Man hätte zu einem Thema nichts zu sagen oder keine Antwort auf eine Frage. Das ist soweit nicht ungewöhnlich und kommt auch bei mir selbst öfter mal vor. Dem Publikum wird jedoch dargestellt, wie man mit viel reden vom eigentlichen Inhalt der Frage ablenkt, mit Gegenfragen (un)geschickt den Fragenden von der fehlenden Antwort ablenkt oder einfach über etwas ganz anderes redet – vorzugsweise ein Thema, mit dem man sich selbst auskennt.
Die dargestellten Ausweichmanöver sind jedoch völlig durchschaubar und tölpelhaft. Das Ziel, die „Doofheit“ zu kaschieren, wird bei solch verbalen Attacken völlig verfehlt. Liebes Autoren-Duo, es gibt einen Unterschied zwischen Unwissen und doof! Unwissend auf einem Gebiet oder in einem Thema ist sicher der, der Fakten oder Zusammenhänge nicht kennt. Das geht jedem auf dem einen oder anderem Gebiet so. Doof ist für mich der, dem zusätzlich zu seinem Wissen auch noch der Charakter fehlt, eine Lücke einzugestehen. Folglich ist doof der, der Ihre Tipps tatsächlich befolgt. Und genau davor möchte ich alle „Betroffenen“ warnen. Einer meiner Kollegen formuliere dies vor einiger Zeit auch noch etwas deutlicher als Slogan für ein Handy-Bild oder einen konferenztischtauglichen Aufsteller: “Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Klappe halten!“
Über die Möglichkeit, dass das Eingestehen einer Schwäche eine Stärke sein kann, hat offenbar niemand beim Entwurf des Programms nachgedacht. Das Erkennen einer Schwäche ist jedoch Grundvoraussetzung für das nachfolgende Schließen der einen oder anderen Wissenslücke. Diese offensichtliche Schlussfolgerung konnte das Programm nicht transportieren und verfehlt daher auch die Chance, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen.
Das Programm hatte dann doch noch einen Lacher, den ich natürlich hier nicht verrate, der jedoch mit Sicherheit die Rückkehr aus dem Foyer rechtfertigen würde.
Nach der Veranstaltung habe ich noch die Kolumnen auf der Verlagsseite gelesen. Die Qualität der Texte hat auf das Bühnenprogramm leider nicht abgefärbt.
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